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10 Jahre Forensische Psychiatrie in Koeln-Porz

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Eine 5,50 Meter hohe Mauer, Gitterstäbe vor den Fenstern und Kameras, die jeden Winkel des fast 14.000 Quadratmeter großen Geländes überwachen: Die Forensische Psychiatrie in Köln-Porz ist ein Hochsicherheitstrakt. Doch wie sieht es hinter der hohen Betonmauer aus?

In dieser Multimedia-Reportage kommen Patienten und Beschäftigte zu Wort. Die interviewten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten alle schon viele Jahre in der LVR-Klinik. Die meisten sind seit der Eröffnung 2009 dabei.
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In der LVR-Klinik in Köln-Porz gibt es 150 Plätze für psychisch kranke Straftäter. Hier werden ausschließlich Männer behandelt. Sie sind zwischen 20 und 71 Jahre alt und haben schwere Straftaten begangen. Trotzdem sind sie keine Häftlinge, sondern Patienten, die psychisch erkrankt sind und behandelt werden.

Zum Tatzeitpunkt waren sie vermindert oder nicht schuldfähig. Da sie eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen, hat ein Gericht ihre Unterbringung in der Forensischen Psychiatrie, im Maßregelvollzug, angeordnet.
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Auch wenn die Behandlung unter gesicherten Bedingungen stattfindet, ist die LVR-Klinik in Köln-Porz in erster Linie ein psychiatrisches Krankenhaus. 

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten in multiprofessionellen Teams. Neben dem Einsatz von Medikamenten wenden die Psychiaterinnen und Psychiater sowie Psychologinnen und Psychologen, die eine forensische Zusatzausbildung absolvieren mussten, ein breites Repertoire von Behandlungsmethoden wie Verhaltenstherapie, Schematherapie, Gruppen- und Einzelgespräche an. Durch die Pflegeteams erfolgt auf den Stationen Sozio-Milieutherapie. Außerdem wird die Behandlung durch verschiedene Co-Therapien wie Bewegungs-, Kunst-, Ergo- und Arbeitstherapie ergänzt.  

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Jeder Patient hat einen individuellen Therapieplan und es gibt täglich mindestens eine Therapieeinheit. Die Behandlungserfolge werden regelmäßig überprüft und die Behandlungspläne entsprechend angepasst.

Im O-Ton berichtet ein Patient, der seit 10 Jahren in der LVR-Klinik untergebracht ist und kurz vor der Entlassung steht, von seiner persönlichen Therapie.

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Bernd Gerhards ist Leiter des Pflegedienstes. Er hat die Klinik mit aufgebaut und kennt sie wie kaum ein anderer.

In drei O-Tönen spricht er über gute Nachbarschaft, sichere Stationen und die wohl bislang größte Herausforderung der Klinik.
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Die größte Berufsgruppe – das Pflegepersonal – hat alltäglich und rund um die Uhr einen engen Kontakt zu den Patienten. Beziehungen werden aufgebaut, ein geregelter Tagesablauf ermöglicht und Absprachen getroffen und kontrolliert.
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"Trotz ihres schweren Lebensweges werden die Patienten von Gott geliebt", sagt Krankenhausseelsorger Manfred Becker-Irmen. Er besucht die Patienten regelmäßig auf den Stationen.

Alle 14 Tage lädt der Diplom-Theologe und Pastoralreferent außerdem zum Gottesdienst in die Kapelle der Forensischen Psychiatrie ein. Was ihn bei seiner Arbeit motiviert, erzählt er im O-Ton.

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Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter bereiten die Patienten auf das Leben nach dem Maßregelvollzug vor. Sie trainieren mit ihnen Alltagssituationen und erarbeiten in Rollenspielen und Gesprächen, wie sich ein Patient beispielsweise verhält, wenn er während eines Ausgangs oder nach der Entlassung auf seine alten Trinkkumpanen trifft.

Im Sozialzentrum können Patienten  ihre Freizeit verbringen. Sie haben es mit eingerichtet und gestaltet. Das Prinzip, die Patienten an bestimmten Entscheidungen zu beteiligen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Forensische Psychiatrie in Köln-Porz.
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Stav Bar-Hod arbeitet als Sporttherapeut in der Forensischen Psychiatrie. Er spielt mit den Patienten Fußball, Handball oder Basketball, begleitet sie beim Nordic Walking und bietet Yoga-Kurse an. Auch Krafttraining gehört zu den Sportangeboten der Klinik.

Die Patienten sollen die Möglichkeit haben, sich auszupowern und Aggressionen abzubauen. Anderen Patienten helfen die Mannschaftssportarten, sich zu öffnen und stärker aus sich herauszukommen. 

"Ich begegne den Patienten noch mehr auf Augenhöhe als andere Therapeuten", sagt Stav Bar-Hod. Warum das so ist, erklärt er im O-Ton.

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In der Holzwerkstatt stellen die Patienten Möbel, Spielzeug, Schönes und Nützliches aus Holz her. Sie verbessern ihre handwerklichen Fähigkeiten, trainieren Ausdauer und Präzision.
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Langfristiges Ziel der Behandlung in der Forensischen Psychiatrie ist die Besserung, sodass die Patienten ein straffreies, integriertes Leben in der Gesellschaft führen können.

Der Weg dorthin beginnt mit schrittweisen Lockerungen. Wann ein Patient entlassen wird, entscheidet ein Gericht unter Einbeziehung der Klinikexpertise. In der LVR-Klinik in Köln-Porz bleiben die Patienten im Durchschnitt für 7 Jahre.

Viele der weitgelockerten Patienten werden in die LVR-Klinik in Köln-Merheim auf eine forensische Rehastation verlegt. Hier werden sie intensiv vorbereitet auf die Zeit nach dem Maßregelvollzug – Wohnsituation, berufliche Aktivitäten, Freizeitgestaltung und viele andere Dinge.
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Wenn Menschen ein Verbrechen begehen, werden sie dafür in der Regel bestraft. Gerichte verurteilen diese Personen entweder zu einer Geld- oder zu einer Freiheitsstrafe. Anders sieht es bei Menschen aus, die psychisch krank, suchtkrank oder geistig behindert sind. Wenn diese ihr Verhalten nicht angemessen steuern oder die Tragweite ihrer Handlungen nicht ausreichend beurteilen können, kann es sein, dass sie straffällig werden – ohne  dabei das Ausmaß ihres Handelns zu erkennen. Aufgrund ihrer Erkrankung oder Behinderung bzw. dem Einfluss dieser Erkrankung auf ihre Straftat, sind sie vermindert oder nicht schuldfähig. In diesen Fällen werden sie nicht bestraft, sondern betreut und behandelt. 

Eine solche Behandlung kann von einem Gericht alternativ zum Strafvollzug zwangsweise angeordnet werden. Dies geschieht, wenn die Richter die Gefahr sehen, dass diese Menschen aufgrund ihrer Erkrankung wieder Straftaten begehen könnten und sie daher für die Allgemeinheit gefährlich sind. In diesen Fällen spricht man von Maßregeln und deren Umsetzung (Vollzug).

Die Behandlung von psychisch kranken Straftäterinnen und Straftätern erfolgt nicht im Gefängnis, sondern in psychiatrischen Krankenhäusern mit spezialisierten Maßregelvollzugsabteilungen, sogenannten forensischen Krankenhäusern bzw. Maßregelvollzugskrankenhäusern. Im Rheinland übernehmen bisher sechs psychiatrische Krankenhäuser des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) diese Aufgabe – eine davon befindet sich in Köln-Porz. 

Der Maßregelvollzug ist Teil der „forensischen“ (gerichtlichen) Psychiatrie. Es geht um Diagnostik, Behandlung und die Gefährlichkeitseinschätzung der untergebrachten Straftäterinnen und Straftäter.
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Schizophrene Psychosen: Schwere psychische Erkrankungen, bei denen die Betroffenen in Wahrnehmung und Denken gestört sind und einen gestörten Bezug zu sich und zur Umwelt haben. Unter dem Eindruck von Wahnvorstellungen und Halluzinationen kann es zu Straftaten, zum Beispiel Angriffen auf andere Personen kommen. Opfer sind nicht selten Angehörige oder Bekannte.

Persönlichkeitsstörungen:
Störungen, die sich in schweren Problemen der zwischenmenschlichen Kontaktfähigkeiten äußern. Menschen mit Persönlichkeitsstörungen sind in ihrem inneren Erleben und Verhalten dauerhaft gestört. Betroffen sind die Gefühle, das Denken, das Erleben, die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Kontrolle von Impulsen. 

Intelligenzminderung:
Manche Menschen mit einer intellektuellen Minderbegabung sind nicht in der Lage, die Regeln des menschlichen Zusammenlebens zu lernen und zu befolgen. Sie sind auch nicht fähig, angemessene zwischenmenschliche Beziehungen zu entwickeln. In der Folge kann es zu unterschiedlichen Straftaten kommen. Oft können sie aufgrund ihrer Einschränkung das Unrecht der Tat nicht erkennen. 

Suchterkrankungen:
Menschen mit einer Abhängigkeit von Alkohol und/oder Drogen geraten häufig mit dem Gesetz in Konflikt, weil sie kriminell werden, zum Beispiel um an das Geld für Drogen zu kommen oder weil sie mit Drogen handeln.
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Grundsätzlich können alle schweren Straftaten zu einer Unterbringung im Maßregelvollzug führen. Körperverletzungen, (versuchte) Tötungen, Brandstiftung sowie Sexualdelikte sind die häufigsten Delikte der psychisch kranken und intelligenzgeminderten Patienten. Weitere Delikte sind Raub und Eigentumsdelikte.
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Geleitet wird die LVR-Klinik in Köln-Porz von Chefarzt Dr. Herbert Meurer. Warum er sich als promovierter Arzt für die Arbeit mit psychisch kranken Straftätern entschieden hat und was Ludwig van Beethoven mit dieser Berufswahl zu tun hatte, verrät er im O-Ton

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Eine Besonderheit der Forensischen Psychiatrie ist die Deliktbearbeitung. Durch sie soll der Patient Einsicht in den Zusammenhang zwischen seiner Erkrankung und seiner Straftat erlangen und für Frühwarnzeichen seiner Erkrankung und die daraus resultierenden potenziellen Straftaten sensibilisiert werden.

Je nach Patient und Delikt kann diese Arbeit sehr unterschiedlich aussehen, erklärt Oberarzt Dr. Wilhelm Prange im O-Ton.


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Trotz hoher Sicherheitsstandards löst eine Einrichtung wie die LVR-Klinik in Köln-Porz bei den Menschen, die in der näheren Umgebung leben, natürlich Ängste aus. Das war beim Bau der Forensischen Psychiatrie 2009 nicht anders.

Inzwischen hat sich die Situation entspannt, erzählt Bernd Gerhards im O-Ton. Die Klinik ist auf ihre Nachbarn zugegangen. Schon vor der Eröffnung wurden rund 2300 Bürgerinnen und Bürger durch den Neubau geführt. Ein vielfältig besetzter Forensikbeirat ist kontinuierlich in die Arbeit der Klinik eingebunden.

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Wenn Patienten in bestimmte Entscheidungen mit einbezogen werden, gibt es weniger Frustration und somit auch weniger Krisensituationen. Davon ist Bernd Gerhards überzeugt.

Im O-Ton erklärt er, was das sogenannte Safewards-Modell ist, das vor zwei Jahren in der Klinik eingeführt wurde und bei dem ehemalige Patienten als Genesungshelfer die Therapeutinnen und Therapeuten bei ihrer Arbeit unterstützen. 

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Im Januar 2018 musste die LVR-Klinik in Köln-Porz aufgrund eines Bombenfunds in der Nachbarschaft  evakuiert werden. Bei Bauarbeiten im benachbarten Wasserturmviertel war ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt worden. Die Patienten mussten für die Dauer der Entschärfung mit  Sicherheitstransporten in Justizvollzugsanstalten und andere forensische Kliniken des LVR  gebracht werden.

Wie dieser logistische Kraftakt gelang und warum die Klinik an diesem Tag 150 Pizzen bestellen musste, erzählt Bernd Gerhards im O-Ton.



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"Die Pflege hat hier einen hohen Stellenwert", sagt Andrea Trost von der Stabstelle Pflegeentwicklung und -wissenschaft im O-Ton.

Als die Klinik 2009 eröffnet wurde, hatte gerade mal ein Drittel der Pflegekräfte Forensik-Erfahrung. Zunächst standen deshalb Themen wie Sicherheit im Fokus. Seither hat sich die Pflege inhaltlich und fachlich deutlich weiterentwickelt.  

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Eine feste Tages- und Wochenstruktur ist wichtig für eine erfolgreiche Behandlung der Patienten in der Forensischen Psychiatrie. Wie diese Struktur aussieht, beschreibt Tobias Weser, Fachkrankenpfleger und Pflegerischer Stationsleiter, im O-Ton.

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Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter ist die Schuldnerberatung, erzählt Alexandra Hockel, Diplom-Sozialarbeiterin, im O-Ton. Die Patienten sollen lernen, für ihre Schulden aufzukommen und diese in kleinen Raten zurückzuzahlen.

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Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter kümmern sich aber nicht nur um die Patienten. Sie unterstützen auch die Angehörigen, die immer mit betroffen sind, Ängste haben, unsicher sind und Wissen und Unterstützung benötigen. Ein gutes soziales Umfeld ist ein wichtiger Baustein für eine gelungene Rückkehr ins Leben außerhalb des Maßregelvollzugs.

Der Diplom-Sozialarbeiter Marcel Wiwie hat gemeinsam mit seiner Kollegin eine Angehörigengruppe ins Leben gerufen. Was dort besprochen wird und welche Fragen viele Angehörige haben, erzählt er im O-Ton. 

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"In der Arbeitstherapie können die Patienten vieles üben und ausprobieren", sagt Heike-Maria Vennes im O-Ton.

Die Ergotherapeutin und Fachkraft für Maßregelvollzug meint damit nicht nur die handwerklichen, sondern vor allem auch die sozialen Fähigkeiten. Die Patienten lernen während der Arbeit beispielsweise mit Frustration und Kritik umzugehen. 

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In der Forensischen Psychiatrie erstreckt sich die Behandlung in der Regel über viele Jahre. Die Patienten sollen lernen, ihr Verhalten zu reflektieren und in kleinen Schritten zu verändern.

Wie dieser Prozess abläuft, zeigt ein Gespräch der Ergotherapeutin Heike-Maria Vennes mit einem Patienten ...

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Im O-Ton beschreibt Oberarzt Dr. Wilhelm Prange wie der Lockerungsprozess in der LVR-Klinik in Köln-Porz standardmäßig aussieht - von der gesicherten Aufnahmestation über das freie Bewegen auf dem Gelände bis hin zum unbegleiteten Ausgang und irgendwann sogar zur Übernachtung außerhalb der Klinik.

Lockerungen werden nicht automatisch gewährt. Sie stehen in engem Zusammenhang mit dem Erfolg der Therapie und werden für jeden Patienten individuell geprüft. Wichtigstes Kriterium ist dabei, dass eine Gefährdung der Bevölkerung nach bestem ärztlichen und therapeutischen Wissen ausgeschlossen werden kann.

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Am Ende der Behandlung werden die Patienten in der Regel für eine längere Zeit beurlaubt. In dieser Phase sind sie nach wie vor Patienten der LVR-Klinik Köln und werden von der forensischen Ambulanz betreut. Ihre wesentliche Aufgabe ist die Verhinderung von Rückfällen durch die Unterstützung der Patienten und Zusammenarbeit mit Beteiligten wie der Bewährungshilfe und Führungsaufsicht.  Diese enge Betreuung ist ein wesentlicher Grund für die geringe Rückfallquote von forensischen Patienten.

Im O-Ton erzählt ein Patient, wie es sich anfühlt, nach vielen Jahren hinter Gittern wieder mit dem Leben in Freiheit konfrontiert zu werden.

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